Unsere Abhängigkeiten von Big Tech
Wir befinden uns in einer digitalen Abhängigkeit, die wir rückblickend vielleicht bereuen werden. Wie macht sich diese bemerkbar und was sind die Folgen? Es werden die Bereiche Abhängigkeit, Einflussnahme und mögliche Lösungen behandelt.
Vorwort
Die Idee zur Verfassung dieses Posts kam im Herbst 2025 auf. Ausschlaggebend war hierbei eine Veranstaltung an der Hochschule Heilbronn – eine IT-Firmenkontaktmesse um genau zu sein. Auf dieser Messe stellen Firmen der Umgebung aus. Als Student der Informatik kommt man so in Kontakt mit Entwicklern aus der Industrie, philosophiert über Technologie, das neuste JavaScript Framework und wirft sich Cooperate-Buzzwords um die Ohren. Man erhält außerdem Einblick in Unternehmen und knüpft Kontakte. Für mich hat sich daraus noch nie etwas substanzielles Ergeben, dennoch bekommt man hier ein Gefühl zur aktuellen Stimmung. Häufig kam dabei LinkedIn (soziales Netzwerk) auf:
[…] gib mir doch dein LinkedIn, dann können wir in Kontakt bleiben und du erhältst News zum Unternehmen.
Hierbei will ich erwähnen, dass ich seit Dezember 2024 kein LinkedIn, Instagram und generell keine sozialen Medien mehr habe. Deshalb lautet meine Antwort in etwa immer: “Ich habe kein LinkedIn.” Darauf bekomme ich dann zum Beispiel folgendes zu hören:
Das ist aber schlecht! Das braucht man heutzutage!
Und es ist tatsächlich so, dass eigentlich jeder in meinem Freundeskreis, kollegialem Umfeld und Studium LinkedIn oder noch häufiger Instagram und YouTube hat. Somit bin ich in dieser Hinsicht ein Einhorn oder schwarzes Schaf. Für mich stellt sich also die Frage: Brauchen wir Soziale Medien wirklich? Oder sind wir einfach zu abhängig davon und kennen keine Alternative mehr?
Abhängigkeiten
Soziale Medien
Empirisch lässt sich die im Vorwort aufgestellte Behauptung “Jeder in meinem Umfeld nutzt soziale Medien” durch eine Studie aus dem Jahr 2025 belegen die zeigt, dass Instagram von 80% der 18–29 jährigen US-Amerikanern und YouTube sogar von 95% genutzt wird1. Man kann also festlegen: So gut wie jeder in meiner Altersklasse hat soziale Medien und nutzt diese. Neben den üblichen Brainrot Inhalten, die speziell auf TikTok und Instagram vorkommen, konsumieren viele auch Nachrichten. Soziale Medien sind für viele neben einem Unterhaltungsmedium vor allem auch Hauptinformationsquelle. Printmedien wie Nachrichtenmagazine, Wochen- und Tageszeitungen befinden sich seit dem aufkommen von sozialen Medien in der Krise. Die Auflagenzahlen schrumpfen immer mehr und auch ich muss gestehen, dass ich neben dem gelegentlichen Buch seit zwei Jahren keine lokale Tageszeitung mehr gelesen habe. Es macht auch aus Benutzersicht mehr Sinn und ist bequemer neben seiner täglichen Dopamindosis auch gleich die aktuellsten Neuigkeiten einzuholen. Man befindet sich also auf einer Plattform die alles bedient und muss diese zu keinem Zeitpunkt verlassen. Diese Tatsache wird wesentlich unangenehmer wenn man bedenkt, dass die Scroll-Mechaniken der sozialen Medien (speziell TikTok, Instagram Reels und YouTube Shorts) denen der einarmigen Banditen aus Spielcasinos nachempfunden und klar darauf ausgerichtet sind den Benutzer durch das ausschütten von Dopamin zu binden. Jeder ist sich im klaren, dass kostenlose Snacks und Getränke in Spielhallen lediglich zur Bindung der Kunden und zur Maximierung der Aufenthaltsdauer vorhanden sind. Die Abhängigkeit ist also nicht nur dadurch zu begründen, dass jeder soziale Medien besitzt und ein großer Anteil der heutigen Kommunikation darüber läuft, sondern auch eine Abhängigkeit in Form einer Sucht vorliegen kann. Die Aussage es sei schlecht heutzutage keine soziale Medien zu haben, da man diese brauche, ist in sofern gefährlich, da diese die Fear Of Missing Out (FOMO) verstärkt. Man könnte ja durch die fehlende Präsenz auf diesen Plattformen etwas wichtiges verpassen. Dieser Druck kann dazu führen, dass Leute die sich bewusst gegen soziale Medien entscheiden, wieder zu diesen zurückkehren um der ausgelösten FOMO zu entkommen.
Es ist aber längst nicht nur eine mögliche psychische Abhängigkeit die im Bezug auf Big Tech und soziale Medien unseren Alltag prägt, sondern vor allem auch eine fehlende digitale Souveränität. Um beim Thema soziale Medien zu bleiben: Wie viele Personen in unserem Umfeld haben eine eigene Webseite? Oder besser formuliert: Wie viele Personen haben eine online Präsenz außerhalb von sozialen Medien? In meinem Umfeld sind es vier Personen die außerhalb der gängigen Plattformen eine eigene online Präsenz besitzen.
Die meisten online Präsenzen befinden sich auf folgenden Plattformen2:
| (Konzern) Plattform | Nutzeranzahl (mon. aktive Nutzer) |
|---|---|
| (Google) Youtube | ~2.58 Mrd. |
| (ByteDance) TikTok | ~2.21 Mrd. |
| (Meta) Facebook, Instagram, WhatsApp | ~9.37 Mrd. (Summe) |
| X | ~557 Mio. |
| (Microsoft) LinkedIn | ~310 Mio. |
Man kann hier also von einem Oligopol sprechen: Wenige große Anbieter haben die Macht über unser digitales Leben. Fünf Konzerne haben die gesamte Macht! Vier der fünf Unternehmen kommen aus den USA, ein Konzern (ByteDance) aus China. Warum ist das so?
Ein Grund liegt in der positiven Rückkoppelung nach Shapiro und Varian. Dabei tritt nach einem anfänglichen niedrigen Wachstum geprägt von Unsicherheiten ein sich selbst verstärkender Prozess ein, der dafür sorgt, dass Nutzer weitere Nutzer dazu ermutigen dem Netzwerk beizutreten. Dabei ist vor allem von einer kritischen Masse die Rede. Ist diese Erreicht tritt der Effekt der positiven Rückkoppelung ein. Das Typische: “Jeder ist dort, also muss ich auch dort sein.”. Dabei ist es erwiesen, dass dies zu Monopolisierung führt3. Sehr deutlich wird dies am Beispiel von LinkedIn: Je mehr Personen sich in diesem Netzwerk befinden, desto größer ist der Netzwerkeffekt. Mehr Berufstätige auf dieser Plattform steigern den Nutzen da mehr Informationen über offene Stellen vorhanden sein können. Ein weiterer, eher subjektiver Grund, liegt im fehlenden technischen Know-How zur Administration/dem Betreiben einer eigenen Webseite. Klar, nicht jeder ist Informatiker oder hat Zeit, Lust und Wissen Betreiber zu sein. Es ist wesentlich einfacher und reibungsloser sich ein Profil auf einer Plattform zu erstellen. Der Aufwand ist in manchen Fällen nur ein Klick entfernt im Gegensatz zum Spießrutenlauf zum Betreiben und Erstellen einer eigenen Webseite. Neben dem Know-How zum betreiben einer eigenen Webseite sind auch die damit verbundenen Kosten aufzuführen: Man zahlt zum Beispiel einen monatlichen (oder jährlichen) Beitrag für eine Domain. Zudem zahlt man für den Server auf dem die Webseite betrieben wird. Das sind alles zusätzliche Hindernisse für den normalen Nutzer der für seinen Account auf einer Plattform in der Regel kein Geld ausgeben muss. Verbunden mit der positiven Rückkoppelung ist außerdem die Geschlossenheit der sozialen Netzwerke. Ist man nicht auf einer Plattform, hat man keine Möglichkeit auf Beiträge dieser Plattform zuzugreifen. Beispiel: Ich möchte mehr über das Leben/Interesse einer Person des öffentlichen Lebens erfahren, die einzige online Präsenz dieser Person ist beispielsweise Instagram. Selbst wenn der Account dieser Person öffentlich zugänglich ist, muss ich mich bei Instagram anmelden um deren Beiträge einzusehen. Ich benötige also zwingend einen Account, selbst wenn ich den Inhalt lediglich konsumiere. Ein weiterer, wenn nicht sogar der größte Vorteil der Netzwerke liegt im Prinzip der sozialen Aggregation. Menschen sind soziale Wesen, man möchte nicht nur die Seite des jeweils anderen Besuchen, man möchte miteinander abhängen. Die Plattform ist also neben Ihrer Einfachheit auch eine Art “Club” in dem die Informationen einfach untereinander aggregiert und ausgetauscht werden können4.
Gründe für die Dominanz von US- und chinesischen Tech-Unternehmen. Liegt zum einen an der Laissez-faire Haltung gegenüber Regeln zum Datenschutz dieser Plattformen und zum anderen an den wirtschaftlichen und institutionellen Gegebenheiten beider Länder. Dabei ist Risikokapital vor allem bei US-Unternehmen ein Wachstumsbooster der gepaart mit den Effekten der positiven Rückkoppelung zu “The Winner takes it all” führt5. Ein weiterer Vorteil der institutionell begründbar ist, ist der, dass Unternehmen bereits vor festgelegten Regulierungen Geschäfte machen. Eintrittshürden sind so also nicht vorhanden6. Obwohl auch chinesische Unternehmen von fehlenden Regeln profitieren, können diese vor allem auf einen riesigen Binnenmarkt und das erhalten von Staatsgeldern setzten. Das Erlaubt es den Unternehmen eine kritische Masse zu erreichen um dann auf dem globalen Markt zu expandieren.
Künstliche Intelligenz
Bisher wurde vor allem die Dominanz der sozialen Medien beleuchtet. Dies ist aber längst nicht mehr der einzige Bereich in dem wir uns vollkommen abhängig gemacht haben. Künstliche Intelligenz (KI) ist hier der neuste Trend und hat sich eigentlich schon seit längerer Zeit (seit min. 2 Jahren) überall etabliert.
“Egal wie sehr Wir uns vor der Verwendung von KI drücken, sie wird bleiben und wir werden lernen müssen mit Ihr zu Arbeiten um global konkurrenzfähig zu sein.”
– Geschäftsleitung eines deut. Unternehmens
Ich wette ähnliche Aussagen hat so ziemlich jeder in letzter Zeit gehört. Und auch hier ist wieder festzustellen, dass wir in eine erneute Abhängigkeit rutschen. Ich selbst verwende natürlich auch KI, habe die Texte meiner Bachelorarbeit korrekturlesen lassen und Formulierungen angepasst. Verwende sie als Programmierassistent (Pair-Programming) und zur Automatisierung (n8n). Großartige Technik die einem viel ermöglicht und die eigene Produktivität enorm steigert. Obwohl es mittlerweile Anbieter wie Sand am Meer gibt, kristallisieren sich so langsam Unternehmen heraus die den Markt in Zukunft dominieren werden. Die folgende Behauptung wird von mir nicht mit Zahlen belegt, aber aus eigener Beobachtung ist hier vor allem Anthropic, OpenAI und Google Dominant. Aus meinem Näheren Umfeld sind das die einzigen Anbieter die zur Verwendung von Large Language Models (LLMs) genutz werden. Technische Nutzer (ehemalige Kommilitonen, Kollegen) nutzen hauptsächlich Agenten wie Fable (Anthropic) oder Codex (OpenAI). Vereinzelt fällt hier und da mal noch der Begriff Gemini (Google) oder Qwen (Alibab Cloud). Der Normalo verwendet eher die Chatbots dieser Anbieter also zum Beispiel ChatGPT oder ähnliches. Auch hier fällt auf, dass Unternehmen hauptsächlich aus den USA oder China kommen. Niemand den ich kenne verwendet vergleichbare Technologien aus Europa. Es ist aber zurzeit, anders als bei der Abhängigkeit der sozialen Medien, festzustellen, dass das Bewusstsein einer Abhängigkeit immer präsenter wird. Das zuvor erwähnte mittelständische Unternehmen arbeitet an einer Lösung für ein lokales LLM bzw. Hardware für lokale Inferenz.
“Gib a bissle Geld für so a Kischd [Hardware] aus und stell’ se dir in Keller [Serverraum]. Des isch Hardware auf der du dann au anders Sach [Software] laufe lasse kannsch. Die [Hardware] ghert dir und du kannsch damit mache was de willsch. No gibts au koine nervig Paywall mehr, du musch dich nemme aufd externe verlasse und deine Dade ghere dir.”
– Ehemaliger Kollege
Dieses Zitat bringt es auf den Punkt:
- Daten bleiben vor Ort
- Souveränität durch lokales Betreiben
Es muss aber Trotzdem angemerkt werden, dass diese Initiative eher eine Ausnahme als die Regel ist. Aufgrund der Größe eines mittelständischen Unternehmens macht das lokale Betreiben auch Sinn. Die Hardwareanforderungen sind abhängig von der Nutzeranzahl, was angesichts der Unternehmensgröße umsetzbar ist. Bei großen Unternehmen wie zum Beispiel bei Mercedes-Benz mit ca. 300.000 Mitarbeitenden, ist das eher schwierig umzusetzen, da für eine große Anzahl an Nutzern auch mehr Rechenleistung benötigt wird, was wiederum aus wirtschaftlicher Sicht weniger Sinn macht.
Neben der Nutzung von KI zur Steigerung der Produktivität wird diese nicht nur in der Wirtschaft oder Bildung eingesetzt sondern neuerdings auch zur Bekämpfung von Verbrechen.
Das US-Unternehmen Palantir hält Einzug in die Arbeit der Baden-Württembergischen Landespolizei. Dort nutzt sie die Software “Gotham”, die Terrabyte an Daten aus verschiedenen Quellen aggregiert und Entitäten miteinander verknüpft. Mit ihr sollen Informationen besser analysieret und Verbrechen frühzeitig erkannt werden können. Dabei wird auf Daten zurückgegriffen die Polizei beriets von der Polizei gesammelt wurden7. Da neben dem Marketing BlaBla eigentlich nichts wirklich zu finden ist, die Software natürlich Closed-Source ist kann man nur spekulieren was genau in dieser Black-Box abgeht. Ist es ein glorifiziertes Datascience-Tool? Die eierlegende Wollmilchsau? Oder doch Saurons einer Ring? Das Palantir nach den sehenden Steinen aus der Herr der Ringe benannt wurde macht das Unternehmen aus sicht eines Der Herr der Ringe Fans nicht wirklich vertraulicher. Bleibt man in der Analogie der Saga, so kann jeder der über einen Palantir verfügt auf einen anderen sehenden Stein zugreifen. Ob Palantir so mit den gesammelten Daten umgehen wird, weiß keiner. Die Tatsache, dass der dunkle Herrscher Sauron einen sehenden Stein verwendet um an Informationen der Helden zu gelangen um so ganz Mittelerde zu knechten, macht das Unternehmen erst recht nicht sympathischer. Neben den parallelen zur Saga ist aber auch hier wieder eine Abhängigkeit zu beobachten – wieder ist es ein US-Unternehmen mit einem Produkt zu dem es keine Konkurrenz gibt.
Infrastruktur
Ich weiß noch als ich das erste mal vom Patriot Act gehört habe – das war während meines Praxissemesters bei Mercedes-Benz. Die Geschichte zum Patriot Act lautet grob folgend: Nach den Anschlägen am 11. September 2001 unterzeichnet der damalige Präsident der vereinigten Staaten von Amerika, George W. Bush, das Gesetz. Ziel ist es den Datenaustausch zwischen US-Behörden zu verbessern und die Überwachung von Telekommunikation und Internetnutzung zu vereinfachen. Das Gesetz erlaubt es Geheimdiensten auf Server von US-Unternehmen und sogar ausländischen Tochterunternehmen ohne richterlichen Beschluss zuzugreifen. Daten die auf informationstechnischer Infrastruktur von US-Unternehmen liegen sind also der Willkür der US-Behörden ausgesetzt. Während meines Praktikums entschied man also das kritische Daten nicht auf Servern von US-Unternehmen liegen sollen, sondern auf deutscher Infrastruktur. Trotzdem setzten vor allem im Bereich des Software Engineerings, viele Entwickler und Unternehmen auf Hyperscaler, SaaS oder im allgemeinen Infrastruktur und Produkte von US-Unternehmen wie Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure und Google Cloud Platform (GCP).
Software
Auch hier sieht man deutliche Abhängigkeiten: Die meisten Menschen haben einen PC mit dem Betriebssystem Windows. Dazu verwenden Sie Outlook zum Arbeiten mit E-Mails und oft kommt hier auch noch Office365 dazu. Neuerdings macht es Microsoft, zumindest meiner Meinung nach, auch noch schwieriger zu unterscheiden ob Daten lokal auf der Festplatte des PCs liegen oder auf OneDrive. Daten werden, wenn man nicht vorsichtig ist, automatisch in der Cloud von Microsoft abgelegt. Ein kleinerer Teil verwendet MacOS bzw. Betriebssysteme von Apple. Eigentlich jeder verwendet den Webbrowser Chrome8 von Google um sich im WorldWideWeb zu bewegen. Als Messanger der Wahl wird zumindest in meinem Umfeld meist WhatsApp (Meta) verwendet. Ein kurzer Blick auf die Bildschirme der Kommilitionen im Vorlesungssaal zeigt, dass selbst bei technischen Nutzern die Verteilung bei ca. 80% Windows und 18% MacOS liegt. Häufig war ich die einzige Person mit einem Betriebssystem das nicht Windows oder MacOS ist.
Einflussnahme
Das Ziel eines wirtschaftlichen Unternehmens ist es, den maximalen Gewinn zu erwirtschaften. Social-Media-Plattformen, als prominenteste Beispiele Facebook (Meta), TikTok (ByteDance) und für die Zwecke dieses Posts: LinkedIn (Microsoft) – sind gewinnbringende Unternehmen. Meta gehört mit einer Marktkapitalisierung von 1,4 Billionen € zu den wertvollsten Unternehmen der Welt9! Wie werden diese Unternehmen so unglaublich reich? Die kurze Antwort: Werbung und Nutzerdaten.
Im vorherigen Teil wurde kurz angeschnitten, dass Apps der soziale Medien so entwickelt wurden, dass Nutzer:innen möglichst viel Zeit auf Ihnen verbringen: Mehr Werbung und Nutzerdaten = mehr Geld. Um die Nutzungszeit zu verlängern, wird neben der erwähnten Glücksspielmechanik (einarmiger Bandit) aber auch auf Vorschlagsalgorithmen gesetzt. Diese kuratieren den Beitragsfeed des Nutzers und entscheiden welche Inhalte als nächstes angezeigt werden. Nutzer:innen erhalten so immer passend Inhalte zu ihren Interessen. Die Algorithmen der Plattformen sollen das User Engagement steigern, also wie intensiv und wertvoll die Interaktion der Nutzer:innen mit der Plattform ist. Yuval Noah Harari beschreibt in seinem Sachbuch “Nexus” das Problem der Ausrichtung solcher Algorithmen. Dabei ist entscheidend, dass Nutzer:innen häufig polarisierende Inhalte (z.B. Hass, Hetze und Ragebait) vorgeschlagen bekommen. Sie erhalten diese Inhalte da sie das User Engagement erhöhen und somit den Unternehmen mehr Geld bringen. Dabei ist Harari der Meinung, dass es nicht primär das Ziel der Plattformbetreiber sei polarisierende Inhalte vorzuschlagen, sondern das User Engagement und somit den Gewinn zu maximieren. Der Algorithmus findet heraus dass polarisierende Inhalte zu mehr User Engagement führen es wird daher alles dafür getan um dieses Ziel zu erreichen. Tragischer Weise hatte das als Seiteneffekt, dass Facebook so unfreiwillig mitverantwortlich an der ethnischen Säuberung 2016 in Myanmar wurde. Aber anstatt etwas gegen dieses Ausrichtungsproblem der Algorithmen zu unternehmen, setzt Facebook gegenteilig sogar auf fehlerverstärkende Mechanismen, die Hetze und Fakenews belohnen10. Facbook soll sogar an der Finanzierung kontroverser Autoren von Ragebait Inhalten beteiligt gewesen sein11. Natürlich ist es schwierig solch eine Intention nachzuweisen, dennoch bin ich der Meinung das Meta nach dem Motto “Der Zweck heiligt die Mittel” vorgeht und jedes kleinste Schlupfloch ausnutzt.
Der zuvor erwähnte Zwischenfall in Myanmar ist aber längst kein Einzelfall mehr. Auch die deutsche Politik hat mittlerweile erkannt, welche Gefahr von sozialen Medien ausgeht. Die Tech-Konzerne haben von der Trump-Administration einen Freifahrtschein a la “Let it rip” bekommen um mit Ragebait- und Slop-Inhalte das Internet zu fluten. Das Tech-Konzerne und die derzeitige US-Regierung im allgemeinen mit der EU ein Problem haben, dürfte spätestens seit den Strafzöllen jedem klar geworden sein. Hier sind soziale Medien und KI ein hervoragendes Werkzeug um den Zusammenhalt von Gesellschaften zu schwächen und eine Spaltung zu stärken:
“Man merkt doch, dass die Vereinigten Staaten Ihre politischen Ziele nicht erreichen um Demokratien im Moment zu stärken, sondern um schlicht und ergreifend Ihre Machtinteressen zu vertreten.”
– Daniel Günther12
Im weiteren Verlauf der Sendung erwähnt Günther noch, dass er generell für ein Social-Media Verbot von unter 16 jährigen ist, wie es beim australischen Modell der Fall ist. Diese Aussage macht die Runde, vor allem weil das Nachrichtenportal Nius einen Ausschnitt der Sendung auf sozialen Medien postet in dem der Satz Günthers komplett aus dem Zusammenhang gerissen und so zusammengschnitten wird, dass der Anschein entsteht, Günther wolle die Meinungsfreiheit einschränken und Nachrichtenportale wie Nius verbieten. In den sozialen Medien wird ein Shitstorm sondergleichen losgetreten. Viele Menschen nutzen mittlerweile die sozialen Medien als Hauptinformationsquelle. Bei Beatrix von Storch (AfD) war das scheinbar auch der Fall. Als sie in der Folgesendung zu Gast war, vertritt sie die Fake-News von Nius – wird dann aber aufgrund der Fake-News zur Rede gestellt13. Intressant finde ich hier, dass die eigentliche Aussage Günthers, die sozialen Medien seien eine Gefahr, mit dem losgetretenen Shitstrom bestätigt wird.
Lösungen
Mit Elon Musks Übernahme von Twitter kam es zu einer Abwanderung von Nutzern die nach einer Alternative suchten. Plattformen wie Mastodon und Bluesky rückten in den Vordergrund und so auch föderierten soziale Netzwerke sowie das Konzept von Open Social. Die Idee dahinter ist, Herr seiner eigenen Daten zu sein. Es gibt keine Entität, die sich daran bereichert, daher würde ein Algorithmus zur Gewinnmaximierung durch Steigerung des User Engagements auch keinen Sinn ergeben4. Da die meisten Dienste innerhalb des sogenannten Fediverse14 vollständig ohne Nutzertracking auskommen, handelt es sich also auch um eine datenschutzfreundlichere Alternative15. Die dezentrale Natur des Fediverse sorgt außerdem dafür, dass keine zentrale Entität über alle Daten verfügt und so im Falle eines Ausfalls andere Knoten übernehmen können. Das ist außerdem ganz im Sinne von Tim Berners-Lee initialer Idee des WorldWideWebs:
“The WorldWideWeb (W3) is a wide-area hypermedia information retrieval initiative aiming to give universal access to a large universe of documents.”
– Tim Berners-Lee16
Für die Lösung der Abhängigkeit zu KI wird es kritisch sein diese so effizient gestalten, sodass diese nicht mehr in riesigen Rechenzentren von OpenAI und Co. läuft, sondern lokal auf Deinem und meinem Smartphone/PC. Obwohl es mittlerweile schon einige Open-Weight Modelle gibt, muss vor allem die Entwicklung von vollständigen Open-Source Modellen vorangetrieben werden, bei denen auch die Trainingsdaten einsehbar sind. Kleine, effiziente und offene Modelle auf eigener Hardware werden unseren Planeten retten.
Die Lösung der Probleme der Infrastruktur wird ebenfalls eine Herausforderung der Zukunft sein. Es gibt zwar eine neben der Telekom auch StackIT die Infrakstrukturlösungen anbieten, allerdings habe ich speziell bei StackIT den Eindruck, als würde man mit angezogener Handbremse fahren. Man könnte wirklich das AWS Europas sein, bekommt das aber aus mir unverständlichen Gründen nicht auf die Reihe.
In Sachen Software muss sich jeder selbst an die Nase fassen: Benötige ich wirklich Outlook als E-Mail Software oder reicht hier auch Thunderbird. Sind es mir die monatlichen 1.50€ Wert, um dafür eine eigene Domain und Postfach zu erhalten? Oder kann ich beispielsweise auf Microsoft Windows verzichten und spende stattdessen 5€ im Monat an ein Linux/Open-Source-Projekt? Sind die Unterschiede zwischen Google Chrome und Firefox wirklich so groß? Was ist wenn ich statt Google z.B. DuckDuckGo oder Ecosia verwende? Wie ist es mit Mistrals Vibe als alternative zu ChatGPT – merke ich beim Verfassen meiner E-Mail wirklich einen Unterschied17?
Meine Antwort steht fest – für was entscheidest Du dich?
Gottfried, J. und Park E. (November 2025). Americans’ Social Media Use 2025. Pew Research Center. https://www.pewresearch.org/internet/2025/11/20/americans-social-media-use-2025/. (besucht am 02.09.2026). ↩︎
Alle Zahlen wurden am 02.09.2026 den jeweils neusten Statistiken auf DemandSage entnommen: DemansSage. (2026). https://www.demandsage.com/. ↩︎
Varian, H. R. und Shapiro, C. (1999). Information Rules: A Strategic Guide to the Network Economy. ↩︎
Abramov, D. (September 2025). Open Social. https://overreacted.io/open-social/#closed-social. (besucht am 02.09.2026). ↩︎ ↩︎
Hoffman, I./Frauenhofer IAO. (Januar 2020). The Winner takes it all: Marktkonzentration bei digitalen Plattformen. https://blog.iao.fraunhofer.de/the-winner-takes-it-all-marktkonzentration-bei-digitalen-plattformen/. (besucht am 02.09.2026). ↩︎
Frynas, J. G., Mellahi, K., & Pigman, G. A. (2006). First mover advantages in international business and firm-specific political resources. Strategic Management Journal, 27(4), 321–345. https://doi.org/10.1002/smj.519 ↩︎
Staatsanzeiger. (November 2025). Palantir im Südwesten: Was die Polizei-Software bedeutet. https://www.staatsanzeiger.de/nachrichten/politik-und-verwaltung/palantir-im-suedwesten-was-die-polizei-software-bedeutet/. (besucht am 02.09.2026). ↩︎
Wenn es nicht Google Chrome ist, dann ist es zumindest ein chromiumbasierter Webbrowser – und Ja! Edge basiert auch auf Chromium! ↩︎
Aktienkurs Meta. https://www.finanzen.net/aktien/meta_platforms-aktie. (besucht am 05.11.2025). ↩︎
Harari, Y. N. (2024). Nexus. 1. Auflage. Penguin Verlag, München. S. 365-377. ISBN: 978-3-328-60375-7. ↩︎
ABC NEWS. (August 2026). Facebook is paying controversial creators to produce rage-bait content. https://www.abc.net.au/news/2026-08-06/ragebait-how-facebook-is-paying-controversial-creators/106940696 (besucht am 02.09.2026). ↩︎
ZDF. (2026). Markus Lanz vom 7. Januar 2026. (Ab Zeitstempel 01:07:18) https://www.zdf.de/play/talk/markus-lanz-114/markus-lanz-vom-7-januar-2026-100 (besucht am 30.05.2026) ↩︎
ZDF. (2026) Ausschnitt: Zensurvorwürfe: Falsche Berichterstattung von Nius über Daniel Günther | Markus Lanz vom 14.01.2026. https://www.youtube.com/watch?v=MBG_nQ6cpqM (besucht am 30.05.2026) ↩︎
Fediverse: Kofferwort aus “Federated” (deutsch: föderiert) und “Universe” (deutsch: Universum). ↩︎
BfDI. (2025). Das Fediverse. https://www.bfdi.bund.de/DE/Fachthemen/Inhalte/Telemedien/Fediverse.html (besucht am 02.09.2026) ↩︎
Berners-Lee, T. (1990). World Wide Web. Cern. https://info.cern.ch/hypertext/WWW/TheProject.html (besucht am 05.11.2025) ↩︎
Okay, man sollte wirklich keine KI zum Verfassen einer E-Mail verwenden. Interessanter Beitrag hierzu von Laurence Tratt: https://tratt.net/laurie/blog/2025/llm_inflation.html ↩︎